

Für den 14 Jahre alten Stadtjungen ist es Verblüffung pur: „Die Dorfleute sind um sieben Uhr noch immer nicht wach?“ Wach sein, heißt für ihn Getümmel auf den Straßen, Hektik und Gedränge in Bus und Straßenbahn. An diesem 1. Dezember weht ein heftiger Wind durch die Grenzgemeinde Tschanad/Cenad. Die Schule, andere öffentliche Einrichtungen und die meisten privaten Dienstleister haben an diesem Tag – am Nationalfeiertag – geschlossen. Das Plateau vor dem Kulturhaus ist der einzige Ort in der Gemeinde, an dem zu dieser frühen Stunde Menschen zu sehen sind. Ein klein wenig Nostalgie geht mit mir durch, als ich da ankomme. Aus meinen Erinnerungen: Ende August - Anfang September hat etwa an gleicher Stelle vor dem Kulturhaus der Kirchweihbaum gestanden – zur Vorbereitung des Festes war das Treiben ähnlich. Das liegt jedoch mehr als zwei Jahrzehnte zurück. Heute führt dort – im Ortskern – der deutschstämmige Bürgermeister Nikolaus Cr?ciun das Kommando. Fünf Ethnien bereiten die „Schweineschlacht der Nationalitäten“ im Dorf vor. Jeder darf auf seine Art schlachten – einzig und allein Abbrennen mit Stroh ist heute untersagt – der eingangs erwähnten Windes wegen.
Tradition soll nicht verloren gehen
„Wir wollen den Leuten zeigen, wie traditionell Schweine geschlachtet werden, da dies immer seltener geschieht. Brauch und Wissen gehen dabei verloren“, begründet Crăciun. Für Deutsche, Rumänen, Ungarn, Serben und Roma kauft der Bürgermeister seit vier Jahren Anfang Dezember je ein Schwein, und jede der Ethnien muss es vor den Augen der Schaulustigen so zubereiten, wie sie das zu Hause zu tun pflegen, oder zumindest so, wie es ihnen die Tradition gebietet. Was die Tradition der Tschanader Schwaben angeht: „Eineinhalb Deutsche sind in unserem Team“, pflegt Bürgermeister Crăciun zu sagen. Seine fünfköpfige Mannschaft vervollständigt er mit „adoptierten“ Rumänen, wie die Rumänen im „Deutschen Team“ sich gerne nennen. „Wenn es sein muss, werde ich sogar Katholik, nur um bei der „deutschen“ Schweineschlacht mitzumischen“, flachst Gheorghe B?lan über seinen Status als „schwäbischer“ Schweineschlachter für einen Tag. Am Stand daneben lassen die Roma die Gasflamme gar lange auf der Haut des Schweines ruhen – wohl der Schwarte wegen. Schaulustige kriegen schon bald was ab davon, auch von den Serben, den Ungarn, den Rumänen. Die Deutschen verteilen ihrerseits erste Gerichte aus dem Kessel.
„Abbrühen“ – nur noch bei den Deutschen
„Schweineschlacht ist ein Ritual mit gut durchdachtem ökonomischem Hintergrund und im Banat vor allem von den Deutschen übernommen“, sagt der Anthropologe Gheorghe Secheşan. Auch sonst wird – fragt man im Banat nach Überbleibseln deutscher Traditionen – das Schweineschlachten zuerst erwähnt. Bei einem zweiten, hintergründigen Nachfragen ebenso. Natürlich haben die anderen Nationen es übernommen, doch viele lassen durch Kleinigkeiten den Unterschied erkennen. Das hat reichlich mit Gewohnheit, aber auch mit Geschmack und sogar – ein wenig forciert – mit angepasst ökonomischem Hintergrund zu tun. Nach wie vor ist Abbrühen der Schweine bei den Deutschen Brauch, um die Borsten zu entfernen. Die anderen Ethnien setzen auf Gasflamme, oder auch auf Abbrennen mit Stroh – doch das war ja der Feuergefahr wegen untersagt.
Festschmaus für die Gemeinde
Schweineschlacht auf dem freien Platz in unmittelbarer Nähe der Landstraße ist Attraktion pur. Nicht nur deshalb, weil es an diesem Tag zunächst gebratene Kinnbacken, Leber und Blut gibt. Mitessen bzw. verkosten dürfen die Zuschauer, deren Anzahl zunächst auf 70 – 80 Personen steigt, dann werden es einige Hundert. Das ständige Kommen und Gehen gar nicht mitgerechnet. Selbst für Dorfansässige ist es erstaunlich, wie viele alte, klassische Kessel aus Kupfer und Blech es noch gibt, um das „Schweinerne“ darin zu kochen. Dass mal ein Funke davon vom Wind bis auf die Straße getrieben wird, stört hier niemanden – verwundert jedoch etwas die beiden Insassen des Wagens mit deutschem Kennzeichen – die zusehen, doch scheinbar bald weiter müssen. Eine kurze Kaffeepause, erstaunte Blicke auf die Männer mit dem Tranchiermesser, auf noch am „Galgen“ hängende Schweinehälften, dampfende Kessel, dann sind sie weg.
Einheimische, Kenner, aber auch Pseudo-Alleswisser geben den Schlachtvorgang zum Besten. Einer vor dem eigenen Sohn, der andere macht´s dem Nachbarn klar, der dritte darf es gar vor laufender Kamera tun. Da das Menü eh schon festgelegt ist, folgen auf die Vorspeisen gewohnheitsgemäß Paprikasch und zuletzt Kraut mit Fleisch. Der Kuchen danach darf nicht fehlen. Und weil ein Fernsehteam dabei ist, lassen es sich die Tschanader nicht entgehen: Leber- und Fleischwurst sind am frühen Nachmittag bereits genießbar. Wie genießbar? Kurz vor 15 Uhr sind bereits fast alle Kessel leer, Kinder haben sich besonders gefreut, weil das Essen des Nachbarn doch bekanntlich immer das bessere ist. Bestimmt gab es welche darunter – die Informationen bestätigen es – bei denen Schweinefleisch, Paprikasch und Leberwurst nur selten zum Menü gehören.
Die Schweineschlacht in der Gemeinde Tschanad hat es in den drei Auflagen der letzten vier Jahre zu regionaler Anerkennung gebracht. Francisc Fodor, darf mit seinen Paprikasch-Kochkünsten nicht nur seine Mitbürger begeistern und bescheren. Über einen Wettbewerb des Zentrums für Volkskunst des Verwaltungskreises Temesch ist er mit seinem Paprikasch-Gericht bis in die mehr als 100 Kilometer entfernte Kurortstadt Busiasch/Buzia{ gereist, wo er in diesem Herbst am „Festival der Paprikaschgerichte“ teilgenommen hat. Dass es da Hähnchen-Paprikasch war, hat wohl niemanden gestört. Eine Anreise mit dem Schwein wäre auch bedeutend schwieriger gewesen, und leichter verdaulich ist Hähnchen sowieso.
Die Deutschen brühen noch ab.
Bürgermeister Nikolaus Crăciun (links) bereitet Schweinernes für die Kamera zu.
Francisc Fodor: mit seinem Paprikasch im Banat bekannt
Fotos: Siegfried Thiel
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